Soziotop Fahrschule

Einblick in das erste Semester

des Masterstudiengangs

Identity Design.

Warum Fahrschule?

Fahrschulen nehmen im Soziotop der Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen eine besondere Stellung ein. Wenn normalerweise ein Lehrer vor seinen Schülern steht, gibt es ein klares Vertrauens- und Machtverhältnis. Die Schüler müssen dem Lehrer vertrauen, nicht andersherum.

In der Fahrschule hingegen muss dieses Vertrauen in hohem Maß beidseitig sein. Ein Fahrlehrer kann versuchen, durch umsichtige Steuerung und klare Anweisungen nicht in Gefahrensituationen zu geraten.

Aber in einem so unberechenbaren Umfeld wie dem Straßenverkehr, in dem so viele Variablen – gegeben durch die anderen Verkehrsteilnehmer – agieren, kann es immer zu unerwarteten Situationen kommen. Dann muss der Fahrschüler eigenständig die richtige Entscheidung treffen und nicht bei 130 km/h auf der Autobahn das Lenkrad panisch in die Leitplanke reißen.

Und hier werden Fahrschulen interessant. Es geht am Ende um die Sicherheit auf unseren Straßen und um eine gute Ausbildung, die in einem isolierten Raum stattfindet. In diesem Raum existieren zwei Rollen: der Fahrlehrer und sein Schüler.

Wer Fahrschule verstehen möchte, muss sich die beiden Hauptrollen und ihre Beziehung zueinander ansehen. Fahrlehrer und Fahrschüler befinden sich in einem konstanten Spannungsfeld: dem Straßenverkehr. Um in diesem gut navigieren zu können, muss man ihn beobachten. Und das die ganze Zeit. Hört man einmal auf, fehlen unmittelbar wichtige Informationen.

Der Fahrlehrer hat dabei einen routinierten Blick, dafür muss er zusätzlich auch den Fahrschüler im Auge behalten. Hier übernimmt der Fahrlehrer auch den Großteil der Verantwortung. Er entscheidet, wo lang gefahren wird, mit welcher Geschwindigkeit und ob der Fahrschüler überhaupt bereit ist für das Abenteuer Autofahren.

Der Fahrschüler hat zwar etwas weniger Verantwortung, dafür aber mehr Stress. Denn was für den Fahrlehrer alltäglich ist, ist für ihn neu. Jeder automatisierte Handgriff eines Autofahrers, sei es zur Kupplung, zum Blinker oder zum Tempomat, verlangt ihm einen weiteren Blick ab – ein Blick, der eigentlich dafür gedacht ist, auf die Straße zu schauen. Blick nach vorne, Blick in den Rückspiegel, Blick nach vorne, Blick zum Gaspedal, Blick nach vorne, Blick in den Seitenspiegel, Anweisung des Fahrlehrers, Blick nach rechts, Blick nach vorne …

Um diese Wechselbeziehung zu veranschaulichen, muss die Vielzahl an Beobachtungen sichtbar gemacht werden. Die Idee dafür ist, zwei Publikationen miteinander zu verbinden. Die eine zeigt die Blicke des Fahrlehrers, die andere die des Fahrschülers.

Im Gespräch mit Fehmi, Inhaber der Fahrschule Traffic, kam eine Sache ganz stark heraus: Autofahren ist gefährlich, und es ist ein Unterfangen, das mit einem hohen Grad an Gewissenhaftigkeit ausgeführt werden muss. Fahrlehrer und Fahrschüler bewegen sich beide gemeinsam durch den Straßenverkehr. Dabei ist ein Fehler des Fahrschülers genauso gefährlich wie ein Fehler des Fahrlehrers. Beide sind darauf angewiesen, dass der jeweils andere seine Aufgabe gut macht. Grundlage der Arbeit ist es deshalb, diese Verbindung erfahrbar zu machen.

Um die Abhängigkeit der beiden Rollen zueinander zu zeigen und um die Besucher der Ausstellung fühlen zu lassen, wie relevant es ist, dass beide Rollen an einem Strang ziehen, war der Grundgedanke, ein Zwei-Personen-Spiel zu entwickeln.

Ähnlich dem Spielprinzip „Heißer Draht“ muss der Fahrschüler einen Stab – das Auto – durch ein Labyrinth, die Straße, führen. Wenn er die Ränder des Labyrinths berührt, hat er das Spiel verloren.

Um auch die zweite Rolle, die des Fahrlehrers, erfahrbar zu machen, wird das Labyrinth mit zwei Griffen versehen. Mit diesen muss der zweite Spieler das Labyrinth hochheben. Ähnlich der Rolle des Fahrlehrers ist es seine Aufgabe, mit Ruhe seinen Schüler durch das Labyrinth zu lenken. Sollte er das Labyrinth ruckartig bewegen oder unklar kommunizieren, wird der Schüler das Spiel verlieren – und mit ihm der Fahrlehrer.

Um diesem Apparat noch mehr Spielcharakter zu verleihen, wird, sobald das Labyrinth hochgehoben wird, automatisch der Ambient-Sound von Verkehrslärm abgespielt und gestoppt, sobald das Labyrinth zurückgestellt wird.

 

Das Gespräch in der Fahrschule Traffic ließ klar werden: Fahrlehrer nehmen ihre Aufgabe ernst – mehr, als man es meinen würde. Doch das Erlebnis in Mindelheim lässt diese Ernsthaftigkeit in scheinbaren Größenwahn überschlagen. Die Kritik an den Fahrlehrern lässt sie ihre Rolle in der Gesellschaft hinterfragen, und ihre Antwort ist hoch gegriffen. Sie sehen sich als Grund für die Sicherheit auf unseren Straßen; das Wohlergehen unseres Verkehrs scheint in ihren Händen, in ihrer Ausbildung, zu liegen.

Gleich einem Schutzpatron leiten sie mit Gewissenhaftigkeit und schützender Hand ihre Schüler an und machen sie zu den Autofahrern, die sie sein müssen.

Scheinbar sehen sie ihre Rolle als Schutzpatron der deutschen Straßen. Um sich diesem Selbstbild zu nähern und es zu verbildlichen, wurde eine Weste angefertigt – als Gewand der „heiligen“ Fahrlehrer. Diese Arbeit versteht sich nicht als ironisch oder zynisch, sie ist jedoch durchaus überspitzt. Um diese Überspitzung zu verdeutlichen, wird als Grundlage für die Weste ein Teppich mit Straßenmotiv verwendet – für gewöhnlich ein Kinderspielzeug –, um den starken Kontrast klar zu zeigen.